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Full text of "Artist 93 Nov 2012"

Cheers auf Frida Kahlo 

Bremen - Von Rainer Beßling. 

Es klingt und sieht genauso aus wie das kreischige US-amerikanische Anfeuerungsspektakel zum sportlichen 
Event: Junge Frauen im Sportdress schwingen Pompons, zelebrieren Moves und schmettern hochfrequent 
Buchstabenfolgen als sprachlichen Countdown. 




5 Foto: E. Renner 



Lautstarke Lobpreisung auf Heldinnen der Frauenbewegung. 

In den vier Videos von Elianna Renner allerdings, die die Wände des Eingangsbereichs der Städtischen Galerie 
Bremen geworfen sind, skandieren die SportSchau-Mädels keine Aufbau-Slogans für Teams, sondern cheeren 
die Namen von Schriftstellerinnen, Künstlerinnen und Frauenrechtsaktivistinnen. Vis-ä-vis feuern sich die 
Gruppen an: Ja, das sind sie jubeln diese, unsere Heldinnen von einst, die Aufrechten und Unangepassten aus 
der klassischen Moderne, als es Frauen schwer bis gar nicht möglich war, selbstbestimmt zu leben und Kunst zu 
machen. Schon charmant, die Heldinnen von einst so leichtfüßig gefeiert zu sehen, zudem von nachgeborenen 
Schwestern, denen eher kein historisch-politisches Bewusstsein und keine feministische Optik zugeschrieben 
wird. 

Elianna Renner pflegt ein besonderes Interesse an der Geschichte, vorrangig an Biografien von Frauen, sowohl 
aus ihrem persönlichen, familiären Umfeld als auch aus dem öffentlichen Leben. Deren Vita in Erinnerung zu 
rufen, nimmt Renner mit ihrer Cheerleading-Installation ziemlich wörtlich. Die offene Form offenbart die 
Absicht der Künstlerin, keine Monumente für große Namen zu errichten, sondern die Erinnerung im Fluss zu 
erhalten, die Vita der historischen Figuren vital immer wieder neu zu lesen, ihre Lebensleistungen keinem 
Dogma und keiner starren gesellschaftspolitischen Perspektive unterzuordnen. Damit hält Renner auch den 



frauenbewegten Zugriff auf geschichtliche weibliche Leben auf Distanz und deutet mit Humor permanenten 
Revisionsbedarf jeder Position an. 

Dass es Renner nicht nur um das Was, sonder vor allem um das Wie geht, spiegeln die weiteren Arbeiten der 
Ausstellung, die der 1977 in Zürich geborenen Künstlerin nun als Trägerin des Bremer Förderpreises für 
Bildende Kunst 2009 am Buntentorsteinweg ausgerichtet wird. In der preisgekrönten Arbeit erzählt sie von der 
Unterhaltung eines Palästinensers und einer Jüdin, die zufällig im Auto zusammensitzen. Der Nahost-Konflikt 
wird in deren Gespräch bemüht ausgeblendet, dennoch bauen sich in der Enge des Fahrzeugs Unbehagen und 
Unsicherheit auf. Die Situation macht sinnhaft, dass einer Konfrontation politischer und kultureller Lager auch 
im privaten Alltag und fern der Konfliktherde nicht zu entkommen ist, dass es keinen Schirm gegen die 
internationale politische Großwetterlage gibt. 

Vor dem Fädelwerkder Geschichte 

„Ruvele Geübter" sind sechs schwarz-weiß-Fotografien überschrieben, in denen ein junger Mann meist 
ausschnitthaft und unscharf auftaucht. Er könnte vor einer Klagemauer stehen, trägt aber den arabischen 
Baumwollschal, das Symbol des palästinensischen Widerstands. In der Hand hält er kein Gebetbuch, sondern 
einen Ratgeber „How To Make Love". Spott über den Glauben? Eher Verdichtung eines Konflikts und zugleich 
dessen Zerstreuung, indem Ort, Zeit und Person einer Zuordnung entzogen werden und Klischees sowie 
politisch-kulturelle Kategorisierungen bröckeln. 

84,4 beträgt die Kilometerzahl zwischen Renners Bremer Haustür und der Pforte der Gedenkstätte Bergen- 
Belsen. „84,4" heißt eine Videoarbeit und misst in Kilometern der Faden, den die Künstlerin darin aus Pullovern 
aufribbelt. Über Kopfhörer lässt sich in verschiedene autobiographische Geschichten hineinzappen. Die 
Künstlerin sitzt in einem abgedunkelten Raum mit einer Stirnlampe vor ihrem Fädelwerk, ein vielfach 
symbolbefrachtetes Tun, das auch an die Verstrickung Elianna Renners in die Geschichte ihrer Familie und 
Historie im allgemeinen denken lässt. Müssen die privaten Verstrickungen und die Verwebungen der Personen 
und Ereignisse erst aufgelöst werden, um einen Faden und um die Zusammenhänge zu finden, die Aufschluss 
geben? 

Der Vater der Künstlerin ist im Alter von vier Jahren in das Konzentrationslager Bergen-Belsen verschleppt 
worden. Die häufige Frage, ob dieser denn überlebt habe, hat Renner zu der Installation „Wartezeit" angeregt. 
Die Frage spiegelt eine reflexhafte Reaktion auf Reizwörter, die eine Reflexion offenbar ausblenden. Kaum 
vorstellbar, dass es die Künstlerin gäbe, hätte der Vater nicht überlebt. 

Mit dem Projekt „Ein Eintausendsechshundertfünfundachtzigstel" geht Elianna Renner an den Schauplatz der 
Jugend ihrer Oma Nagyi Klari, die 1944 nach Bergen-Belsen und später in die Schweiz verbracht worden ist. In 
der Straße in Budapest, in der Klari bis 1944 lebte, bat Renner ehemalige Nachbarinnen, einen Fotogruß an die 
alte Frau zu richten, die die Schweiz nicht mehr verlassen hat und über ihre Erlebnisse schweigt. Die Menschen 
in Budapest sind über die Bitte nach der Grußbotschaft ins Erzählen gekommen, womit sich ein Lebensbild der 
Adressierten abzeichnete. 

„Bobe Mayses" ist die Ausstellung betitelt, was man mit „Omas Erzählungen" übersetzen könnte, aber auch mit 
„Geschichten erzählen" oder „einen Bären aufbinden". Persönliche Erinnerungen, verschiedene Perspektiven, 
das prekäre Verhältnis von Fakt und Fiktion, das Gedächtnis als Archiv und Legendenwerkstatt - Renners 
Erinnerungsrufe sind komplexes Webwerk, in dem sich Fäden immer wieder neu verschlingen bis zur nächsten 
Entflechtung und so fort. 

: tädti .che Galerie Bremen, bis 11. November. Di-Sa, 12-18, , So 11-18 Uhr. Eintritt: 4 Euro. Eröffnung heute 
zusammen mit der Ausstellung „Privatbesitz" um 19 Uhr. 



Kreiszeitung, 29.09.2012, Rainer Bessling 

http://www .kreiszeitung .de/nachrichten/kultur/lokal/cheers-frida-kahlo-25256 1 6 .html